Spastik bei Rückenmarkverletzten: Vor- und Nachteile

Entstehung von Spastiken

Das Rückenmark und das Gehirn steuern die Muskelbewegungen. Dieses Zusammenspiel ermöglicht, dass Muskeln nach Bedarf genutzt werden können. Im Reflex reagieren sie schnell, intensiv und unbewusst gesteuert.
Bei Feinarbeiten, wie beispielsweise der Reparatur einer mechanischen Uhr, können sie exakt, willentlich und kontrolliert eingesetzt werden. Um diese unterschiedlichen Muskelaufgaben zu realisieren hat der Mensch ein komplexes System entwickelt, welches eine Rückenmarksverletzung stören kann: Es können Lähmungen entstehen und die Muskeln gehorchen nicht mehr dem Verletzten. 3

Die meisten Rückenmarkverletzten haben nach der Schädigung ihres Rückenmarks eine schlaffe Lähmung, die gelähmten Muskeln können nicht mehr angespannt werden.
Nach einiger Zeit kann diese schlaffe Lähmung in einen Zustand übergehen, den plötzliche, unbeeinflussbare Muskelbewegungen kennzeichnen.
Plötzlich beobachten Verletzte und Angehörige, dass ein bisher bewegungsloses Körperteil, beispielsweise ein Fuß leicht zuckt, sich heftig streckt oder beugt. Was jetzt oft als hoffnungsvolles Signal für eine glückliche Wendung oder gar Heilung missverstanden wird ist die „spastische Lähmung“, die der schlaffen Lähmung folgt, nachdem im Rückenmark neue, aber nicht sinnvoll funktionierende Verbindungen entstanden sind. 4 5

Das bereits erwähnte System zur Steuerung der Muskulatur ist in diesem Zustand schwer geschädigt. Die Beweglichkeit der betroffenen Körperteile durch plötzliche Spastiken kann für den Rückenmarkverletzten unkontrollierbar werden.

Der Auslöser eines spastischen Krampfes ist sehr individuell: Temperaturwechsel, Berührungen, Niesen, Infektionen, Erschrecken. Das Erleben und die Auswirkungen der Spastik bringen für jeden Rückenmarkverletzten ganz unterschiedliche und individuelle Vor- und Nachteile.

Vorteile der Spastik

Im Gegensatz zum schlaff gelähmten Muskel, der nur passiv bewegt werden kann, bewegen unsteuerbare Muskelkrämpfe durch Strecken oder Beugen die vorhandene Muskulatur. Dieses Muskeltraining hat Vorzüge.

Optisch können die Beine eine natürliche Form behalten, was gerade im Sommer, wenn der Verletzte mit kurzer Hose fährt das Selbstwertgefühl aus ästhetischen Gründen steigert.

Gleichzeitig wird aber auch der Rückfluss von Blut zum Herzen verbessert. Die Wadenmuskulatur pumpt das Blut nach oben gegen die Schwerkraft zum Herz. Diese Muskelpumpe entlastet das Herz und verringert Wassereinlagerungen in den Beinen. Durch Wassereinlagerung geschwollene Beine bieten neue Verletzungsmöglichkeiten, wie beispielsweise Druckstellen durch Hautkontakt mit dem Schuh.

Die Bildung von Blutgerinnseln, die sogar zum Tode führen können, wird durch die reduzierte Beweglichkeit erhöht. Die Beweglichkeit durch die die Spastik kann den Blutfluss beschleunigen und dazu führen, das gefährliche Blutgerinnsel sich seltener bilden. 7

Ein weiterer Vorteil der durch die Spastik trainierten Muskulatur ist die Haltefunktion, die sich durch das Training ergeben kann. Oft erleichtert die Beugespastik in den Oberschenkel den Querschnittgelähmten einen aufrechten Sitz im Bett oder Rollstuhl, oder aber auch die Mobilisation im Bett, weil durch den senkrecht zum Körper gerichteteten Oberschenkel Hebelkräfte beim Drehen auf die andere Seite genutzt werden können.

Eine Streckspastik der Beine kann beispielsweise, wie ich in meiner Tätigkeit als Krankenpfleger von Patienten lernte, auch Menschen, die eine sehr beschränkte Beweglichkeit haben die selbstständige Mobilisation vom Bett in den Rollstuhl ermöglichen, indem diese sich auf die gestreckten Beine aufstellen und sich vom Bett zum Rollstuhl hinüber drehen.

Auch die Lungenfunktion kann die Spastik positiv beeinflussen, besonders dann wenn der Hustenreflex durch die Lähmung reduziert ist und der Betroffene schlecht oder nur mit Unterstützung durch Pflegepersonen abhusten kann.

Ein weiterer Vorteil der spastischen Lähmung ergibt sich bei eintretenden Erkrankungen, weil sich hier die Spastik bei vielen Rückenmarkverletzten deutlich erhöht. Als Signalgeber für Infektionen, neu auftretende Verletzungen oder auch Veränderungen in Lage und Position von operativ eingefügten Material (Schrauben, Platten) weist akut auftretende Spastik hin. In anderen Fällen kann sie auch verlässlich auf eine überfüllte Blase oder baldige Darmentleerung hinweisen und den Rückenmarkverletzten vor unliebsamen spontanen Blasen- und Darmentleerungen warnen.

Einige der genannten Vorteile sind, das gilt auch für den Bereich Dekubitus, bedeuten allerdings für viele Patienten Nachteile und erhöhen ihren Leidensdruck. Viele Patienten schützt die Mobilität, die sie durch die Spastik gewinnen, oft gegen das Wundliegen. Andere hingegen werden wiederholt über mehrere Jahre hinweg operativ behandelt, weil durch den überhöhten Druck ihrer Spastiken große Druckstellen entstehen.

Nachteile der Spastik

Die starke Muskelverkrampfung ist für viele Rückenmarkverletzte Ursache für eine schlechtere Lebensqualität. So kann ein Transfer von oder zum Bett durch plötzliche Bewegungen unmöglich gemacht werden, weil die Beine plötzlich unkontrolliert „losschießen“ oder die Mobilisierung im Bett nur noch durch zwei Pflegekräfte möglich ist. Der Rückenmarkverletzte versteift sich so stark, das er regungslos bleibt und seine körperliche Kraft gegen die der Pflegenden wirkt.

Auch kann beispielsweise eine Beugespastik der Oberschenkel den Betroffenen die Intimpflege gänzlich versagen, so dass auch hier manchmal zwei Pflegepersonen notwendig werden, bei der einer die Beine auseinanderhält, während die andere Pflegekraft die Intimpflege ausführt.

Zusätzlich können, das gilt besonders für stark gebeugte Armbeugen, Kniekehlen und Handflächen, Hautprobleme entstehen, weil hier Hautschichten aufeinander liegen. Zwischen den Hautschichten sammelt sich leicht Feuchtigkeit, die die Haut schädigen kann und die Hautpilzerkranken begünstigt.

Desweiteren kann die Spastik die Ausscheidung erschweren, weil beispielsweise starke spastische Krämpfe die Blase plötzlich entleeren oder weil die Einschränkung der Beweglich- und Geschicklichkeit den Katheterismus behindern. Dadurch können sich Hygieneprobleme ergeben, die zu Harnwegsinfekten führen. Diese können bei wiederholtem Auftreten der Grund für schwere Nierenerkrankungen sein.

Die Störung der Nachtruhe ist ein oft berichtetes Problem, wenn spastisch Gelähmte durch plötzliche Bewegungen schroff geweckt werden. Oder wenn die Spastik im Oberkörper auf die Lunge oder das Herz drückt und ihre Atmung behindert.

Bei anderen Rückenmarkverletzten behindert die Spastik Sexualfunktionen und wird dadurch zu einer weiteren Belastungsprobe für die Partnerschaft.

Psychisch beeinträchtigt die Spastik oft das Selbstwertgefühl, das Gefühlsleben und die Stimmung.

Darüber hinaus verursacht die Spastik manchmal eine schlechte Körperhaltung. Schmerzen entstehen durch die Umformung von Knochen und Gelenken und die Verkürzung von Bändern, Muskeln und Sehnen. 6

Um ihre Lebensqualität oder ihr äußeres Erscheinungsbild zu verbessern beginnen Querschnittgelähmte oft, nach abwägen der Vor- und Nachteile, eine antispastische Therapie.


Einzelnachweise:


1 : Landeskrankenhaus Hochzirl , Intrathekale Medikamentenanwendung, abgerufen am 29.01.2012, http://neuro-hochzirl.tilak.at/page.cfm?vpath=leistungsspektrum/spastikbehandlung
2 :Noth,J./Dietz V. 2002, Spastik, abgerufen am 28.01.2012 http://www.friedehorst.de/nrz/spastik.pdf
3 :Pflegewiki, Spastik, abgerufen am 29.01.2012 http://www.pflegewiki.de/wiki/Spastik
4 : Wikipedia, Spastik, abgerufen am 29.01.2012 http://de.wikipedia.org/wiki/Spastik
5 :Mediuniqua, Querschnittlähmung, abgerufen am 01.02.2012 http://www.meduniqa.at/Medizin/Erkrankungen/Querschnittslaehmung/
6 :Zäch, G. A. und Koch, H. G.,2005, Paraplegie: Ganzheitliche Rehabilitation
7 :Matbey, http://www.tetraplegie-online.de, 2007 http://www.tetraplegie-online.de/tetraplegie-online.de.pdf

Weblinks:


Wie Muskeln funktionieren:

http://www.sportunterricht.de

Dekubitus http://de.wikipedia.org/wiki/Dekubitus

Alpha-Motonoeuron http://flexikon.doccheck.com/Alpha-Motoneuron,
Muskelschwund, Atrophie: Institut für Deutsche Gebärdensprache und Kommunikation Gehörloser, http://www.sign-lang.uni-hamburg.de/glex/konzepte/l7845.htm

Siehe auch:


Wassereinlagerungen/Ödem, Druckstelle/Wundliegen (Dekubitus), Herzentlastung, Herzinsuffizienz, Muskelpumpe, Blutgerinnsel/Thrombose, Mobilisation, Tonus, Blasenlähmung/Darmlähmung, Kontinenz/Inkontinenz, Beugespastik/Streckspastik,Intertrigor,Hautpilz/Mykose, Sexualität, Venöser Rückfluss, Schwerkraft.


(c) Martin Teuschel. Das Lektorat führte Lale Aksöz.

Schreibe einen Kommentar

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s